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Ursachen

Strassen -und Waisenkinder

© imago / Rainer Unkel

Aus einer offiziellen Schätzung aus dem Jahr 1997 geht hervor, dass rund elf Millionen Kinder in Indien auf der Strasse leben, die meisten sind keine 12 Jahre alt. Organisationen wie Unicef, Don Bosco und Human Rights Watch rechnen mit 18 bis 20 Millionen Strassenkindern im Alter zwischen sechs und fünfzehn Jahren. Einen Ausweg sehen viele der Heranwachsenden in der Prostitution. Die Preise für die «Sexdienste» sind mit umgerechnet CHF 0,50 pro Kunde/Kundin sehr niedrig und doch für viele lebensnotwendig. Jungfrauen, besonders junge Prostituierte und extra Dienstleistungen werden häufig sehr viel höher entlohnt. Als Vergleichswert: Für rund zehn Franken kann mit acht Personen zu Abend gegessen werden. Machmal werden die schutzlosen Kinder gleich von mehreren Kinderschänder*innen verprügeln, anstatt bezahlt. Andere Freier*innen und Zuhälter*innen nutzen die Verzweiflung der Kinder und locken sie mit Versprechen auf eine warme Mahlzeit und ein Zuhause zu sich. Sobald die Heranwachsenden dann unter ihrer Macht stehen, schrecken die Täter*innen vor nichts mehr zurück. Jungen werden oft zur Kastration gedrängt, um sie weiblicher und somit für Kunden attraktiver zu machen. Diese Eingriffe führen meist medizinische Laien aus, was daher zu schweren Komplikationen, wie z.B. Blutvergiftungen oder gar zu ihrem Tod führen kann.

Kastensystem

In Indien wird jeder Hindu in eine Kaste geboren und stagniert für den Rest des Lebens in dieser Kaste. Die Menschen werden eingeteilt und befolgen eine strenge Rangordnung. Laut der indischen Verfassung von 1950 darf keiner aufgrund der Kaste diskriminiert werden. Nichtsdestotrotz besteht das Kastensystem auch heute noch und bringt viele Nachteile mit sich. Es gibt auch Inder, welche keiner dieser vier Kasten zugehören, sie werden oft die «Unberührbaren» oder die «Kastenlosen» oder aber auch Paria und Harijans genannt. Die «Kastenlosen» selbst lehnen diese Bezeichnung ab. Sie selbst nennen sich «Dalits» und sehen sich als Nachfahren der indischen Ureinwohner.

Über 240 Millionen Inder gehören zu den Dalits und werden von der Gesellschaft diskriminiert. Es kommt oft zu Übergriffen, bei welchen sie belästigt, angegriffen und sogar getötet werden. Ein weiteres Merkmal der Diskriminierung stellt der soziale Druck dar, wonach eine Heirat nur in der eigenen Kaste vorgesehen ist. Angesichts dieser schieren Aussichtslosigkeit erscheint der Verkauf einer Frau aus der niedrigen Kaste an einen reichen Mann oft als einzige Chance des Aufstiegs in eine höhere Kaste und vor der Armut zu flüchten.

Armut

Trotz eines gesetzlichen Verbotes von Kinderarbeit in Indien für unter 14-Jährige arbeiten nach offiziellen Angaben 12,5 Millionen Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren, die dunkel Ziffer ist hierbei sehr hoch. Die Kinder führen häufig körperlich anstrengende Arbeiten auf Feldern, in Fabriken, in

© Andreas Schwaiger, Caritas Schweiz

Steinbrüchen, in privaten Haushalten oder eben auch in der Prostitution aus. Eltern erhoffen sich einen Ausweg aus diesem Elend für sich und die Kinder durch Kinderheiraten. Einen Haushalt führen, Ehefrau sein, Kinder kriegen und den Ansprüchen des Ehemanns gerecht werden, dies ist es, was auf die jungen Mädchen wartet. Die Mädchen sind oft keine vierzehn Jahre alt, wenn sie das erste Mal schwanger werden. Dies geschieht teilweise geplant, oft aber auch durch Missbrauch und Vergewaltigungen durch den eigenen Ehemann. Ein Kind ist wiederum teuer und muss finanziert werden. Es entsteht ein Teufelskreis.

Kinderhandel

Ein weiterer Weg, auf welchem viele Minderjährige in der Prostitution landen, ist der Kinderhandel. In einigen Fällen werden die Kinder von ihren Eltern aus Verzweiflung und Armut direkt an die Händler*innen oder ihre Mittelsleute verkauft, in anderen Fällen werden die Kinder auf brutale Weise entführt und verschleppt. Vom Kinderhandel in Indien sind meist junge Mädchen betroffen, daher wird oft von «Mädchenhandel» gesprochen. Dass öfter Mädchen als Jungen betroffen sind, liegt, wie später auch im Abschnitt zur Mädchentötung dargelegt, daran, dass sie in vielen Kulturen – und so vor allem auch in Indien – als minderwertig gelten und als Ware angesehen werden. Diese Diskriminierung erleichtert es den Kinderhändler*innen, die Mädchen zu kaufen und anschliessend weiterzuverkaufen oder selbst auszubeuten. Viele der Kinderprostituierten in Indien sind ehemalige Strassenkinder, deren Verschwinden niemandem auffällt, da sie von ihren Familien verstossen wurden oder Waisenkinder sind.

Sextourismus

Einen Aufschwung – vor allem in Entwicklungsländern – fand die Prostitution mit dem wachsenden Tourismus. Es entstand der Begriff Sextourismus, welcher jedoch verharmlost, dass es sich auch um die sexuelle Ausbeutung von Kindern handelt. Urlauber*innen, Geschäftsreisende und viele weitere Kund*innen kurbeln das Geschäft an, viele Täter*innen fühlen sich in fremden Ländern durch die Anonymität geschützt und können damit rechnen, ungestraft zu bleiben. Die wohlhabenden Reisenden zahlen höhere Preise und bringen somit auch höhere Löhne für die Prostituierten. Die vermehrte Nachfrage sorgt im Umkehrschluss für ein grösseres benötigtes Angebot. Um der Nachfrage nachzukommen, werden ständig neue Frauen, Mädchen, Männer und Jungen entführt und von Händler*innen an die touristischen Orte gebracht. Die Kinderhändler*innen machen ein immer lukrativeres Geschäft, so dass immer mehr Kinder zu sexuellen Handlungen mit Erwachsenen gezwungen werden.

Mädchentötungen

© uni.de

„Ein König mit fünf Töchtern wird ein Bettler sein.“ Dieses indische Sprichwort zeigt, dass die Geburt einer Tochter mit Armut gleichgesetzt wird. Die Tradition in Indien fordert, dass die Brauteltern die Hochzeit und die Mitgift bezahlen, somit bringt ein Sohn Einkünfte und eine Tochter Ausgaben. Um den hohen Kosten einer Tochter zu entkommen, sehen viele Eltern die Tötung der Mädchen als Ausweg. Über zwei Millionen Mädchen kommen jedes Jahr im Babyalter ums Leben. Mädchen werden abgetrieben, tödlich vernachlässigt oder bewusst ermordet. Die Pränataldiagnostik macht es möglich, Embryos auf ihr Geschlecht zu untersuchen. Dies ist aufgrund des bekannten Problems der Mädchentötung in Indien illegal, und doch werden viele der unerwünschten weiblichen Embryonen abgetrieben. Die Folge ist in Indien ein sehr unausgeglichenes Geschlechterverhältnis zwischen Männern und Frauen. In Indien fehlen rund 63 Millionen Frauen, dennoch gelten Männer als die überlegenen Stammhalter. Die Folgen sind aber nicht nur für einzelne Personen, sondern für das gesamte Land verheerend, denn der Frauenmangel führt zu einer erhöhten Mordrate, der Kinderhandel nimmt zu und immer mehr Männer besuchen Prostituierte. Besonders leiden darunter junge Mädchen, welche aufgrund der Bekämpfung weiblicher Föten zu einem «raren Luxusgut» für Männer werden. Sie werden verschleppt, verkauft und misshandelt.

Quellen und weitere Informationen:

Aktiv gegen Kinderarbeit

Sexuelle Ausbeutung im Tourismus und auf Reisen

Ein Herz für Kinder – Mädchentötungen

Spiegel – Prostitution Minderjähriger

Planet Wissen – Kinderprostitution

Planet Wissen – Kastensystem

Strassenkinderreport -Strassenkinder in Indien

Strassenkinderreport – Mädchentötungen in Asien

SOS Kinderdörfer – Mädchen in Gefahr

SOS Kinderdörfer – Armut in Indien